"Bäume sind das gespeicherte Leben"
Bildhauer Andreas Kuhnlein und seine "zerklüfteten" Holzfiguren

Zwei Männer  begutachten einen großen HolzstammZoombild vorhanden

Inspektion des Holzvorrats

Holz ist im Leben von Andreas Kuhnlein seit jeher ein wichtiger Begleiter: Als Jugendlicher spielte er viel im Wald, baute Tipis oder Lager und hackte Brennholz. Später arbeitete der Unterwössener als Schreiner und Schnitzer, bevor er die Kunst für sich entdeckte. Heute ist der Holzbildhauer für seine zerklüfteten Figuren international bekannt.

Bei einem Gespräch mit dem Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (AELF), Alfons Leitenbacher, erklärt der Künstler auf dessen Frage, was ihn an Holz so fasziniere: „Es sind die Parallelen zwischen uns Menschen und einem Baumstamm. Beide, sowohl die Jahresringe eines Baumes als auch das Gesicht des Menschen, erzählen von Vergangenem, tragen die verflossene Zeit in sich.“ Folglich kehrte er auch nach Jahren, in denen er Arbeiten in Bronze, Stein und Eisen gefertigt hatte, wieder zum Holz zurück.

Der innige Bezug zur Natur ist in Andreas Kuhnlein tief verankert. Regelmäßig verbringt er Zeit im Wald und auf dem Berg. „Vor allem die Ruhe frühmorgens ist ein Geschenk – mehr braucht der Mensch nicht, um sich vom Alltagslärm zu erholen.“
Als 14jähriger begann Andreas Kuhnlein eine Schreinerlehre in einem Betrieb in Unterwössen und hatte sofort Freude an der Arbeit mit Holz. Nach seinen Gesellenjahren verabschiedete er sich zunächst von dieser Laufbahn und wechselte zum Bundesgrenzschutz, „wo ich durch das Erleben von Extremsituationen sehr viel über mich und das Menschsein im Allgemeinen gelernt habe. Es war wohl die wichtigste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Kuhnlein. Doch die Pflicht in der Heimat rief und er musste einige Zeit später den Hof seiner Tante übernehmen, auf dem er mit seiner Familie aufgewachsen war.

Kuhnlein entdeckt die Kunst

Zerklüfteter Stil - das Markenzeichen von Andreas KuhnleinZoombild vorhanden

Andreas Kuhnlein, international bekannter Holzbildhauer aus
Unterwössen.

Nebenbei arbeitete er wieder in der örtlichen Schreinerei, wo ihn sein Chef dazu animierte, auch Schnitzereien anzufertigen. „Erstmals merkte ich, dass bei mir ein Formengefühl, ein Gefühl für Proportionen vorhanden ist.“ Aus dieser Zeit stammt auch eine Christusfigur am Kreuz aus Weidenholz, die bis heute in seiner Stube hängt. Aber auch Maibaumfiguren, Ornamente und vieles, was Bauherrn für ihr neues Heim in Auftrag gaben, fertigte Kuhnlein an.

Seit nunmehr 40 Jahren ist er als freischaffender Bildhauer tätig. Vor gut 30 Jahren kam erstmals die Motorsäge als gestalterisches Werkzeug zum Einsatz. Der zerklüftete Stil sollte bald das Markenzeichen von Andreas Kuhnlein werden. Immer ist ihm die Botschaft wichtig, die seine Werke ausstrahlen. „Etwas Glattes ist nicht meine Vorstellung vom Leben. Die zerklüftete Oberfläche symbolisiert einerseits die Brutalität des Menschen, dem Mitmenschen und der Natur gegenüber, aber auch seine Verletzbarkeit und - als zentrale Wahrheit menschlicher Existenz - die Vergänglichkeit".

Kuhnlein gibt Bäumen eine Seele

Bis heute entstehen alle Darstellungen aus dicken Hartholzstämmen, die der Künstler Waldbesitzern abkauft. „Es sind alles kranke, oder vom Sturm gefällte Bäume“. Schon lange melden sich Waldbauern oder Vertreter aus Forst- und Wasserwirtschaftsämtern, die Kuhnlein Holz anbieten. Diese mächtigen Stämme lagern oft lange Zeit auf dem Grund von Kuhnlein. Zuletzt fertigte er eine Skulptur aus einem Eichenstamm, der 26 Jahre hinter seinem Haus gelegen hatte. Der Satz eines Ausstellungsbesuchers beschreibt das Schaffen des Künstlers sehr treffend: „Kuhnlein gibt den toten Bäumen eine Seele. Er gibt Ihnen Leben“.
Wenn sich eine Idee in seinem Kopf festsetzt, sucht Andreas Kuhnlein nach dem geeigneten Stamm in seinem Vorrat. Oft inspirieren ihn aktuelle Ereignisse, wie etwa Kriegsbilder, oder er nimmt einen Auftrag mit einem bestimmten Thema an. Beispiel ist die Europarat-Ausstellung „Otto der Große“, für die Kuhnlein 2001 die künstlerische Gestaltung übernahm. Für sie entstanden auf dem Hof in Unterwössen 30 Figuren – Herrscher aus dem 10. und 11. Jahrhundert. „Das war mein Durchbruch als Bildhauer“, resümiert Kuhnlein. Im Moment laufen Ausstellungen in Passau und Italien.

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