Gefragtes Pensionsvieh
Besondere Kleinrinder aus Sachsen auf Ruhpoldinger Alm
Mit großen Augen, kleiner Gestalt und ruhigem Wesen sind 18 Jersey-Rinder in Ruhpolding ein Hingucker für Wanderer. Die Kalbinnen, deren Rasse von den englischen Kanalinseln herstammt, begeistern aber auch die fünf wirtschaftenden Almbauern des dortigen Haaralm-Gebiets. Den bayerischen Almsommer wiederum schätzt der Rinderbesitzer so sehr, dass er sein Vieh aus Sachsen herbeifährt.
Neugierig schaut das 18 Monate alte Rind hoch, als sich eine Wanderin nähert. Schon macht es sich wieder ans Grasen. Daneben säuft ein anderes aus der Tränke auf rund 1400 Metern Seehöhe. Eine einnehmende Ruhe geht von der kleinen Herde aus. Die sanfte Art ist nur ei-ne Besonderheit der 18-köpfigen Gruppe Kalbinnen der Rasse Jersey-Rinder, die erstmalig ihren Sommer hier auf dem Berg verbringt.
Dem Menschen zugewandt und sicher im Steilen
„Die fressen alles außer Disteln. Sie sind wirklich genügsam und obendrein Menschen zugewandt und sehr sozial. Als eine Kalbin krank wurde, blieb eine zweite Kalbin so lange bei ihr, bis wir sie ins Tal gefahren haben“, erzählt Lena Haas begeistert. Die Ruhpoldinger Innenarchitektin bewirtschaftet mit ihrer Familie den Stallerkaser und schaut als Sennerin auf insgesamt 102 Rinder, die meisten davon Jungrinder. Die „Jerseys“ bleiben dabei gerne unter sich und tun sich mit den steilen Hängen dieses Gebiets am leichtesten.
Viel kleiner als Fleckvieh
„Ihr Körper macht ja nur etwa zwei Drittel eines Fleckviehkörpers aus. Die Jerseys rutschen daher auch im Steilen nicht ab, geben aber besonders eiweiß- und fett-haltige Milch. Ihre geringe Größe und ihr friedliches Wesen sind auch Vorteile beim Transport“, erklärt Ludwig Böddecker, Bezirksalmbauer von Ruhpolding. Wie Lena Haas und die drei weiteren Almbauern ist deshalb auch er von dem Besuch aus Sachsen angetan. Böddecker hat die kleinen Rinder organisiert. „Ein Landwirt wollte eigentlich 20 Rinder als Pensionsvieh bei uns auf der Haaralm heroben haben, hat aber auf einmal abgesagt“, schildert er. Da die Alm aber genügend Rinder braucht, um nicht zuzuwachsen, fragte Böddecker kurzerhand beim Rinderhalter aus dem Raum Leipzig an. Der Landwirt mit rund 300 Milchkühen schickt schon den vierten Sommer Jersey-Rinder auf eine Alm in Reit im Winkl. „Er hat gleich zugesagt, weil sie von dort immer so gesund heimkommen“, freut sich der Ruhpoldinger Mutterkuhhalter und Ferienwohnungsbetreiber Böddecker.
„Widder“ pumpt Wasser hinauf zur Weide
Wenn die Almbauern auch noch mit dem Wasser über die restlichen rund fünf Sommerwochen durchkommen, können sie wieder eine positive Bilanz ziehen. Denn noch einen Vorteil haben sie hier oben: Eine Anlage namens „hydraulischer Widder“, die sie 2013 installiert haben, pumpt Wasser von mehreren Quellen über 214 Höhenmeter hinauf in die Weideflächen. Und das ganz ohne Strom oder Diesel, nur mit Wasserdruck.