Rückblick auf eine Exkursion im Juli 2017
Baum des Jahres: Von den Wurzeln zur Zukunft der Fichte

Gruppe im Wald

Die Exkursion im subalpinen Fichtenwald auf 1.400 Meter in Reit im Winkl

Spannende Exkursion von den natürlichen Wurzeln zur Zukunft des „Baum des Jahres“

Die Fichte ist die häufigste Baumart Deutschlands und polarisiert wie kaum ein anderer Waldbaum. Für die einen ist sie der „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft, für viele aber auch der Inbegriff naturferner Monokulturen mit hoher Anfälligkeit gegenüber Sturm, Trockenheit und Insekten. Die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo dazwischen. Aus diesem Grund veranstaltete das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kürzlich eine Exkursion zur Fichte. Mit den geladenen Gästen - Jäger, Naturschützer, Förster, Sägewerker, politische Vertreter und interessierte Waldbauern – wurden drei Punkte besichtigt.

Der Fichtenwald – Von Natur aus selten

Subalpinger Fichtenwald - ein ursprünglicher WaldtypZoombild vorhanden

Natürlicher Fichtenwald

Natürliche Fichtenwälder weichen erheblich von gepflanzten Fichtenforsten ab.
Wer die Baumart etwas mehr verstehen möchte, muss daher zunächst ihren Ursprung kennen.
Folglich lag der erste Exkursionspunkt in Reit im Winkl nahe der Hemmersuppenalm auf 1.400 Meter, der natürlichen Heimat der Fichte.
Die Wälder hier sind licht und der Waldboden dicht grün bewachsen mit unterschiedlichsten Alpenpflanzen, wie z.B. den Alpenlattich.
Die Bäume haben eine schlanke Krone und grüne Äste von fast ganz unten bis in den Gipfeltrieb.
Kein Vergleich mit den Bäumen in den dichten Fichtenforsten im Flachland, wo gegenseitige Konkurrenz zwischen den dicht gepflanzten Bäumen die seitlichen Äste absterben lässt und oftmals nur noch das obere Drittel oder Viertel der Bäume grün benadelt ist.
In den südostbayerischen Alpen sind naturnahe subalpine Fichtenwälder eine Seltenheit, da Flächen über 1.350 m oftmals in sehr steiler Lage von Fels oder Geröll geprägt sind bzw. flachere Bereiche der Almwirtschaft dienen. Der Forstbetrieb Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten hat die ökologische Bedeutung dieses Waldes erkannt. Forstbetriebsleiter Paul Höglmüller, welcher die Führung durch den subalpinen Fichtenwald übernommen hatte, erklärte folglich, dass dieser weitgehend ursprüngliche Waldtyp erhalten werden soll. Deshalb beschränkt sich derzeit die Bewirtschaftung auf die Beseitigung von Borkenkäferholz.

Der Fichtenforst – Ein künstlicher Wald mit ungewisser Zukunft

Gleiche Baumart, anderer Standort, 700 Höhenmeter tiefer.
Auch der zweite Exkursionspunkt ist ein hundertprozentiger Fichtenbestand, aber ein künstlicher.
Der anwesende Waldbesitzer erklärt anschaulich wie er seit Jahren von einer Zwangsnutzung in die nächste schlittert. Begonnen hat alles mit einem feuchten schweren Schneefall, dem zahlreiche Bäume nicht standhalten konnten. Der Bestand war zu dieser Zeit nur mäßig durchforstet und die Bäume - dicht an dicht - konnten nur kleine Kronen und dünne Stämmchen ausbilden. Nachdem der Bestand aufgerissen war, folgten zunächst Sturmwürfe und seit Jahren scheibchenweise Ausfälle durch Borkenkäfer. Alle Jahre wieder sind neue Borkenkäferbäume im Bestand. Innerhalb von 15 Jahren wurden so aus ein paar vom Schnee gebrochen Bäumen ein drei Fußballplätze großes Loch.
Schlimmer als der finanzielle Verlust, ist das eingebüßte Vertrauen an den eigenen Wald und die Freude an dessen Bewirtschaftung. Man rennt immer hinterher und gegenläufig zur Fichte entwickelte sich die Brombeere. Fichte geht, Brombeere kommt. Mittlerweile überzieht ein dichter stacheliger Brombeerteppich die Fläche. Dazwischen schiebt sich die eine oder andere junge Fichte hindurch. Andere Baumarten hatten in der Vergangenheit aufgrund des hohen Rehwildbestandes kaum Chancen, denn Rehe verbeißen im Winter gerne die Knospen vieler Baumarten. Nur die Fichte schmeckt ihnen kaum.
Sollte nicht alles wieder auf Fichte hinauslaufen, ist die Wiederbewaldung solcher Flächen mit zukunftsfähigen Mischbaumarten eine Mammutaufgabe, erklärt Christian Thaler, Förster vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (AELF). Er hat Kartenwerk dabei, auf welchem das Anbaurisiko von 21 Baumarten unter Berücksichtigung des Klimawandels abgelesen werden kann.
Demnach wird die Fichte nur noch als Mischbaumart mit mäßigen Anteilen empfohlen.
Ohne Ergänzungspflanzungen steuert aber der Wald wieder auf 100% Fichte. Leider sind Ergänzungspflanzungen teuer und brauchen einen langen Atem, wie Förster Thaler am Beispiel einer Buchenpflanzung kalkuliert.
Buche und Tanne wären am Exkursionspunkt die von Natur aus dominierenden Baumarten. Für die Pflanzung von 100 x 100 Meter Buchenwald schlagen inklusive Zaun Materialkosten von rund 7.500 Euro zu Buche. Hinzu kommen noch rund 400 Arbeitsstunden für Pflanzung, Zaunaufbau, Zaununterhalt, Zaunabbau und mehrjährigem Ausgrasen gegen die Brombeere. Bei einem Stundenlohn von 25 Euro ergeben sich zusätzlich Arbeitskosten von 10.000 Euro pro Hektar. Bei diesen Zahlen kommt man schon ins Grübeln, nicht doch wieder alles Richtung kostengünstiger Fichte laufen zu lassen. Ein Dilemma.

Der Mischwald – Schön, stabil und zukunftsfähig

Bayern ist ursprünglich ein Buchenland.
Der Siegeszug der Fichte begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Wald hat damals für fast Alles herhalten müssen.
Er war die einzige Energiequelle und Rohstofflieferant für die meisten Handwerke. Nahezu alles war aus Holz. Vom Haus über das Besteck bis hin zum Pferdefuhrwerk.
Zudem wurde der Wald flächig beweidet und das Laub wurde als Einstreu für die Ställe genutzt. Mitte des 19. Jahrhunderts drohte der Kollaps. Die Wälder waren übernutzt und konnten sich aufgrund der Beweidung und den vielerorts hohen Wildbeständen auch nicht mehr verjüngen. Gesucht wurde folglich eine Baumart, welche kaum vom Vieh und vom Wild verbissen wird, leicht zu pflanzen ist, Frost erträgt und eine hohe Wuchsleitung hervorbringt: Die Fichte.
So ähnlich dürfte es auch im Stadtwald von Traunstein abgelaufen sein. Ursprüngliche Buchen- und Tannenwälder wurden zu Fichtenwäldern umgewandelt. Jedoch blieben zum Glück verstreut Buchen und Tannen auf der Fläche zurück. Diese dienen jetzt als Samenbäume und helfen den Wald wieder umzubauen.
Man will weg vom risikoreichen Fichtenforst, der für manche schlaflose Nacht sorgte, hin zum stabileren und gesünderen Mischwald aus Fichte, Tanne und Buche, so Stadtförster Gerhard Fischer. Und das alles natürlich ohne Zaun und weitestgehend ohne teure Pflanzungen.
Die Stadt Traunstein arbeitet mit Naturverjüngung, d. h. der Wildbestand ist an die Tragfähigkeit des Waldes angepasst. Alle Baumarten sollten sich ohne aufwendige Schutzmaßnahmen verjüngen können.
Ist dies durch professionelle Bejagung einmal gelungen, braucht´s nur noch etwas Fingerspitzengefühl. Mit nicht zu starken, aber häufig wiederkehrenden Durchforstungen wird darauf geachtet, dass die besten Bäume gesund und kräftig wachsen können. Gleichzeitig kommt dabei immer etwas Licht auf den Waldboden, damit bereits frühzeitig junge Pflänzchen aus „Naturverjüngung“ wachsen können. So wächst im Schutze der alten Bäume bereits die neue Waldgeneration aus Fichte, Tanne und Buche heran.
Seit nunmehr 30 Jahren arbeitet Stadtförster Fischer behutsam am künftigen Wald. Nebenbei entstanden so wunderbar ästhetische Waldbilder, bei denen die Exkursionsteilnehmer leuchtende Augen bekamen.
Amtschef Alfons Leitenbacher vom AELF fand inmitten dieses herrlichen Waldes zum Abschluss der Exkursion auch die richtigen Worte:
Seiner Meinung nach wurde mit der Fichte ein Baum zum Baum des Jahres gewählt, der viele tolle Eigenschaften, aber auch Grenzen hat, insbesondere wenn man auf den Klimawandel schaut. Sie zu verteufeln wäre ebenso falsch wie ein „weiter so“.
Wir müssen einfach lernen, mit ihr auch „fichtengemäß“ umzugehen: In vielfältigen und reich strukturierten Mischwäldern und nicht in Form von gleichförmigen Fichtenreinbeständen.