Baum des Jahres 2017
Die Fichte: Besser als ihr Ruf

Die Fichte ist die häufigste Baumart Deutschlands und polarisiert wie kaum ein anderer Waldbaum.

Für die einen ist sie der „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft, für viele aber auch der Inbegriff naturferner Monokulturen mit hoher Anfälligkeit gegenüber Sturm, Trockenheit und Insekten.
„Doch die Fichte ist besser ist als ihr Ruf“, sagt Alfons Leitenbacher, Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein. „Gründlich überdenken müssen wir aber unseren Umgang mit ihr!“
NadelbäumeZoombild vorhanden

Baum des Jahres 2017

Dazu müsse man sich wieder vor Augen führen, wo die Fichte denn natürlicher Weise bei uns vorkommen würde.
Sie ist ein Baum der Hochlagen der Mittelgebirge und Alpen, überall wo es kühl ist und ausreichend feucht.
Vom Nährstoffbedarf her ist sie ziemlich genügsam, darum kann sie auch in den kalten und nährstoffarmen Moorrandwäldern ihre natürliche Konkurrenzkraft ausspielen.
Doch diese immergrüne Baumart ist sehr flexibel: Sie wächst auf besseren Böden und wärmeren Standorten entsprechend freudiger, erbringt ähnlich wie die Tanne die höchsten Holzzuwächse aller heimischen Baumarten, bildet stets einen geraden Stamm, dessen Holz ungemein vielfältig verwendet werden kann und ist eine sehr wichtige Baumart im Schutzwald. Sie wird zudem kaum vom Wild verbissen und ist sehr pflegeleicht zu bewirtschaften.
All diese Vorzüge haben dazu geführt, dass die Fichte weit über ihr natürliches Verbreitungsgebiet hinaus in großem Umfang angebaut wurde.

Steckbrief - Gemeine Fichte (Picea abies)

  • immergrüner Nadelbaum
  • natürlich vorkommend in kühlen Bergregionen wie den Alpen und Mittelgebirgen
  • "Der Brotbaum" der Forstwirtschaft
  • wenig anspruchsvoll an ihren Standort, benötigt hauptsächlich ausreichende Wasserversorgung
  • rasches Wachstum, bis 16 Kubikmeter pro Hektar und Jahr
  • vielseitige Verwendbarkeit des Holzes
  • Schutz vor Lawinen und Steinschlag

Derzeit stockt die Fichte auf gut 40 Prozent der Waldfläche Bayerns.

Neben den genannten Stärken dieser Baumart hat deren Siegeszug aber auch mit der Holznot in den zurückliegenden Jahrhunderten zu tun. Lange Zeit war Holz der wichtigste Energieträger für die beginnende Industrialisierung. Die Wälder waren ausgeplündert und der Ruf nach schnell wachsendem, hochwertigem Holz wurde immer lauter. So wurden ehemalige Laubwälder großflächig mit Fichte aufgeforstet. Die Zentren dieser historischen Umwandlung waren bergbaureiche Regionen wie die Ostbayerischen Grenzgebirge aber auch die Region Südostbayern mit der Gewinnung von Salz in Salinen.
Dieser großflächige Anbau der Fichte war von jeher auch mit einem hohen Risiko behaftet, insbesondere wenn sie in Reinbeständen gepflanzt wurde.
Da sie in schwereren Böden nicht tief wurzeln kann, kommt es bei Stürmen immer wieder zu großen Ausfällen.
Die Wärme im Flachland begünstigt zudem die Massenvermehrung der Fichten-Borkenkäfer und weiterer Schadinsekten wie der Fichtenblattwespen, die sich insbesondere in Reinbeständen rasch ausbreiten können. Besonders empfindlich reagiert die Fichte auf längere Trockenperioden, wie sie zunehmend auftreten.
„Deshalb steigt mit dem fortschreitenden Klimawandel das Risiko für den Fichtenanbau zum Teil beträchtlich an“, mahnt Forstexperte Leitenbacher. Wo heute die Fichten noch gut und vital wachsen, kann in fünfzig bis hundert Jahren das Ausfallrisiko immens zunehmen.
„Wer heute einen jungen Wald anlegt, sollte diese prognostizierte Entwicklung unbedingt berücksichtigen und auf alle Fälle auf Mischwald setzen“, appelliert Alfons Leitenbacher an alle Waldbesitzer.

Waldbauliche Beratung

Mit dem „Bayerischen Waldinformationssystem“ verfügen die Beratungsförster des Amtes auch über eine klimabedingte Risikoeinschätzung der wichtigsten Waldbäume für den konkreten Waldstandort. Hier können sich Waldbesitzer kostenlos zur Wahl der künftigen Baumartenzusammensetzung informieren.
Je höher die Risikoeinschätzung, umso geringer sollte der Anteil der jeweiligen Baumart sein.
Für die Fichte nimmt das Risiko außerhalb des Gebirgsraumes leider am deutlichsten zu, während andere heimische Baumarten wie Tanne, Buche oder Bergahorn bei uns voraussichtlich mit dem erwarteten Klimawandel einigermaßen zurecht kommen werden.

Forstliche Ansprechpartner

Das bedeutet, auch wenn man in Zukunft mit dem Anbau der Fichte vorsichtiger sein muss, gänzlich brauchen Waldbesitzer nicht auf sie verzichten.
Ihre Zukunft liegt aber sicher nicht mehr in Reinbeständen. Vielmehr kann sie in einer standörtlich angepassten Mischung mit anderen Nadel- und Laubbaumarten mit verwendet werden. Denn Mischung bedeutet mehr Gesundheit, mehr Ökologie und mehr Betriebssicherheit. Gleichzeitig sollten die vorhandenen Fichtenwälder intensiver gepflegt und durchforstet werden. Denn auch damit können die Widerstandskraft erhöht und vorhandene Mischbaumarten erhalten und gestärkt werden.
Mit der Fichte wurde ein Baum des Jahres gewählt, der viele tolle Eigenschaften, aber auch ihre Grenzen hat, insbesondere wenn man auf den Klimawandel schaut. Sie zu verteufeln wäre ebenso falsch wie ein „weiter so“, betont Amtschef Leitenbacher abschließend. „Wir müssen einfach lernen, mit ihr auch „fichtengemäß“ umzugehen.“